Hyaluronsäure- und Botox-Spritzen in den Händen von Kosmetikerinnen?

In den letzten Jahren boomt das Spritzen im Gesicht, sei es zur Faltenreduktion mittels Lähmung der mimischen Muskulatur mit Botox, sei es zum Füllen von Falten oder zur Lippenvergrösserung mit Hyaluronsäure. Für solche Eingriffe im Gesicht sind anatomische Kenntnisse der Gefäss- und Nervenversorgung sowie der Funktion der mimischen Gesichtsmuskulatur unabdingbar. Andernfalls sind Komplikationen vorprogrammiert.

Waren es vor 10 Jahren ausschliess- lich Plastische Chirurgen und Dermatologen, welche diese Methoden angewendet haben, halten sie in letzter Zeit mehr und mehr Einzug in Kosmetikstudios und Coiffeur-Salons. Ohne tiefere Kenntnisse von Anatomie und Muskelfunktion nimmt unqualifiziertes Personal die Spritze in die Hand und injiziert Medikamente in die Gesichter von ahnungslosen Kundinnen. Diese werden nicht etwa durch fachliche Qualifikation angelockt, sondern durch billige Angebote über Facebook und Instagram. Dumpingpreise verführen viele junge Frauen, diese medizinischen Eingriffe an ihrem Körper durch Kosmetikerinnen oder Coiffeure vornehmen zu lassen. Diese Berufsgruppen beziehen Hyaluronsäure und Botox problemlos übers Internet von ausländischen Apotheken.
Durch unsachgemässe Anwendung nehmen schwere Komplikationen wie Embolisation (Verschlüsse) von Gesichtsarterien mit Hautinfarkten oder sogar Erblindungen (Embolisation der Netzhautarterie) in letzter Zeit zu. Unsachgemässes Spritzen von Botox kann zu einer 4–6 Monate dauernden OberlidPtosis (Lähmung, «Falllid») führen.

Im Juli hat Swissmedic zusammen mit dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV ein Merkblatt bezüglich «injizierbarer Produkte zur Faltenbehandlung in Kosmetikstudios» herausgegeben. In diesem Merkblatt wird festgehalten, dass Kosmetikerinnen Produkte anwenden dürfen, welche nicht länger als 30 Tage im Körper verbleiben. Das schützt aber nicht vor schweren Komplikationen. Die Gefahr der Embolisation einer Gesichtsarterie besteht nämlich auch bei milderen Produkten, welche schon nach 30 Tagen resorbiert werden. Ausserdem wird jede zurzeit auf dem Markt etablierte Hyaluronsäure sowieso erst nach 4–6 Monaten resorbiert.

Ärzte und Politiker im Gesundheitswesen sollten dringend handeln und ein Gesetz für ein generelles Spritzverbot für nicht medizinisch ausgebildete Personen erlassen. Eine seriöse Anwendung von Hyaluronsäure und Botox im Gesicht kann nur durch gut ausgebildete Ärzte oder medizinisch ausgebildetes Personal unter unmittelbarer ärztlicher Kontrolle vorgenommen werden. Die Qualifikation muss ausschlaggebend sein, nicht der möglichst tiefe Preis.

Dr. med. Mark Nussberger
Spezialarzt FMH für Plastische, Rekonstruktive
und Aesthetische Chirurgie
Präsident der Schweizerischen Gesellschaft
für Aesthetische Chirurgie (SGAC)

 
Synapse Magazin